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BTX – Groß angekündigt und noch größer gescheitert

BTX

Bild: Michael Gruhl, (CC BY-SA 3.0)

Vom kurzen Höhenflug und rasanten Fall des Bildschirmtexts (BTX)

Spätestens als Tim Berners-Lee 1989 die Grundlagen des World Wide Web am CERN entwickelte und zwei Jahre später der Öffentlichkeit zugänglich machte, war das Internet kaum noch aufzuhalten. Dass wenige Jahre zuvor aber in Europa bereits ein zunächst erfolgversprechender Onlinedienst gestartet war, weiß heute nur noch die ältere Generation. Im September dieses Jahres wäre der Bildschirmtext in Deutschland 30 Jahre alt geworden.

Erstmals Zeichen auf dem Fernseher

Während der Ursprung des Internets im Jahr 1983 noch ein relativ tristes Dasein als limitiert zugängliches Kommunikationsmittel zwischen Universitäten und Ministerien fristete und sich erst langsam verbreitete, feierte der Bildschirmtext in Deutschland seine Premiere. Dabei sollte der auf Grundlage des britischen Prestel-Systems entwickelte Dienst schon 1978 in der Bundesrepublik an den Start gehen. Im Rahmen der Internationalen Funkausstellung in Berlin stellte der damalige Postminister Kurt Gscheidle BTX 1977 erstmals vor. Als Kombination aus Telefon und Bildschirm ermöglichte der Bildschirmtext die Darstellung von einfachen Seiten auf dem Fernseher, dem PC-Monitor oder eigens dafür konzipierten BTX-Geräten. Diese teils kostenlosen, teils kostenpflichtigen Seiten bestanden aus farbigen ASCII-Zeichen, die das lateinische Alphabet (Groß- und Kleinschreibung), die arabischen Ziffern und einige Satzzeichen umfassen. Heutige Teletextseiten sind in etwa mit den damaligen BTX-Seiten vergleichbar.

Via Schlagwort wurde die Seite aufgerufen

Die Idee hinter dem Bildschirmtext war, dass der Nutzer bequem von zu Hause aus an Informationen jeglicher Art gelangt, Online-Einkäufe erledigt und Bankgeschäfte tätigt. So konnte man seinen Kontostand abfragen, seine Rente berechnen lassen und danach die neuesten Nachrichten auf der Seite der Polizei lesen. Sogar erste Chat-Seiten und eine Art Mail existierten. Rein technisch erfolgte die Übertragung der Anfrage des Nutzers und daraufhin die der angeforderten Inhalte über ein mit dem Telefonnetz verbundenes Modem. Bedeutend bei der Bedienung des Systems war die Verwendung der Zeichen * und #. Zu Beginn erhielt jede erstellte Seite einen Nummerncode, der zwischen diese beiden Zeichen eingebettet wurde. Mit dieser Zuweisung war ein eindeutiger Aufruf der gewünschten Seite per Tasteneingabe durch den Nutzer umsetzbar. Alsbald änderte man die Eingabe dahingehend, dass auch Schlagworte möglich waren. Der Nutzer konnte nun zwischen Stern und Raute beispielsweise einen Unternehmensnamen eingeben, um auf dessen Seiten zu kommen.

Millionenverluste wegen ausbleibender Kunden

Voraussetzung dafür war, dass das entsprechende Unternehmen das Schlagwort zuvor gegen eine Gebühr bei der Deutschen Bundespost, die das System monopolistisch betrieb, registrieren ließ. Die registrierten Unternehmen konnten wiederum für ihre kostenpflichtigen Seiten Einnahmen über Aufrufe generieren, eingefordert wurden diese dann über die Telefonrechnung des Nutzers. Die Anbieter konnten sich wahlweise je nach Anzahl der aufgerufenen Seiten oder nach Verweildauer der Nutzer vergüten lassen. Mit den Registrierungsgebühren hoffte man bei der Bundespost den Löwenanteil des Projekts finanzieren zu können. Der Rest sollte über die einmalige Anschlussgebühr und die monatliche Grundgebühr von den Kunden eingenommen werden. Nur die blieben aus. Verschiedenen Quellen zufolge verschlang das Großvorhaben Bildschirmtext allein bis 1985 um die zweihundert Millionen D-Mark, 1987 soll es nach Angaben der „Zeit“ schon eine Milliarde gewesen sein. Neben dem verspäteten Einführungstermin sorgten schon kurz nach dem Start nicht prognostizierte Ereignisse für Ernüchterung. Relativ schnell erkannte man, dass die tatsächlichen Nutzerzahlen mit den einkalkulierten nicht mal ansatzweise übereinstimmen. Eine Million Nutzer wären nötig gewesen, um kostendeckend zu arbeiten, mit rund drei Millionen hat man gerechnet. Trotz eines enormen Werbeaufwands waren es aber bis 1989 gerade einmal 150.000. Hinzu kamen schwere Sicherheitslücken wie 1984 im Fall der Hamburger Sparkasse, deren gehackte Zugangsdaten vom Chaos Computer Club genutzt wurden, um eine eigene kostenpflichtige Seite wiederholt aufzurufen und dadurch insgesamt 135.000 D-Mark zu erschleichen, die aber letztlich zurückgezahlt wurden.

BTX chancenlos gegen das offene Internet

Ein großer Nachteil des BTX-Systems im Vergleich zum Internet war dessen Zentralität. Die deutsche BTX-Leitstelle in Ulm verwaltete in einer Urdatenbank sämtliche hinterlegte Anbieterseiten. Zwar verteilten die sogenannten örtlichen Bildschirmtext-Vermittlungsstellen (Vst) in der Regel beinahe sämtliche angeforderte Seiten an die Nutzer, mussten aber mitunter doch auf die Urdatenbank zurückgreifen. Das Internet hingegen als offenes System benötigt keinen zentralen Speicher. Ebenso wenig erfolgt dort eine Trennung zwischen Anbieter und Anwender. Mit dem Aufkommen der ersten grafikfähigen Browser war das Ende des Bildschirmtexts quasi besiegelt. Gehalten haben sich bis zum Schluss die Nutzer, die BTX für das Onlinebanking verwendet haben, da in der Hinsicht das Internet vielen zu Beginn zu unsicher erschien. Offiziell wurde BTX am 31. Dezember 2001 abgeschaltet, lief aber unter anderem als „T-Online Classic“ bis 2007 weiter, ehe es wortwörtlich von der Bild(schirm)fläche verschwand.